Vom Gasthof Wissemann zum Hotel Windschar
Am Anfang war... ein Hof.
Die Geschichte des Wissemannhofes, eines einfachen Bauernhauses, lässt sich bis in das Jahr 1548 zurück verfolgen. Familien und Besitzer wechselten, als erstmals im Jahre 1876 das Haus nachweislich von Johann Hellweger als Gasthof geführt wurde. Kuriosität am Rande: Für Speis und Trank brauchten damals „Weibspersonen“ rund ein Viertel weniger zu bezahlen als die „Mannderleut’“. Aus der Ehe des Johann Hellweger, „Wissemann Hansl“, geb. 1846, und seiner Frau Maria Harrasser, „Pitzingerin“ geb. 1849, gingen 12 Kinder hervor: Als älteste Notburga - welche Franz Kronbichler, „Senner-Bauer“ in Reischach heiratete, weiters Elias Jakob, Anonymus, Thomas, Aloisia, Theresia, Sebastian, Rosa Agnes, Gertraud, August, Ottilia, Franz Sebastian.Anonymus starb bei der Geburt, wie auch einige weitere im zarten Kindesalter. Maria Harrasser-Hellweger war eine überaus weitsichtige Frau, deren heutiger Status einer hochgeschätzten Betriebsmanagerin gleich käme. Als im Jahre 1908 die neu erbaute Eisenbahn von Bruneck nach Sand in Taufers dem Tal wirtschaftlichen Aufschwung versprach, erkannte sie die Zeichen der Zeit und beschloss, an der Zughaltestelle von Gais ein Gasthaus „mit 2 Gastzimmern nebst 10 Wohnräumen“ zu
errichten. Es sollte den Namen „Windschar“ erhalten, des Hausberges von Gais. Warum Maria – inzwischen verwitwet die Meldung der „Innsbrucker Nachrichten“, ein „modernes Hotel zu bauen“ dementieren ließ, ist nicht mehr ergründbar - in der Tat wurde wohl ein sehr „hübscher Bau mit einer Anzahl von Fremdenzimmern und geräumigen Gastzimmern“ errichtet („Pusterthaler Bote“ v. 20.11.1908). Der „Pusterthaler Bote“ berichtet am 24.11.1908 weiters: „Letzten Sonntag fand in Gais die Eröffnung des von Frau Witwe Hellweger neu erbauten Gasthofes „Windschar“ statt. Es hatten sich viele Gäste eingefunden, so dass alle Gastlokale besetzt waren. Die Gastwirtschaft und die Gastfreundschaft waren gut und wird es wohl immer bleiben.“ Wie berechtigt doch dieser letzte Satz! Er hat hundert Jahre überdauert und ist zur Qualitätsphilosophie des Hauses geworden. Die Witwe Maria Hellweger war 59 Jahre alt, als sie die „Windschar“ eröffnete, führte gleichzeitig aber immer noch den Gasthof Wissemann. Die Töchter Aloisia und Theresia, damals 25 und 24 Jahre alt, zeigten Interesse, den Gasthof Windschar weiterführen zu wollen. Aloisia übernahm als bald die Geschäftsführung und heiratete Anton Prenn, „Oddolebauer“ aus Kematen. Die Ehe war jedoch kinderlos, und Theresia blieb unverheiratet. Damit der Gastbetrieb fortgesetzt würde, holte Aloisia ein Kind ihrer älteren Schwester Notburga zu sich: Florian Kronbichler, geb. 1.5.1913, sollte der zukünftige Wirt der „Windschar“ sein. Der Bub, herausgerissen aus der eigenen Familie war anfangs sehr unglücklich über sein neues Zuhause und litt schwer an Heimweh. Dass ihn jedoch ein ehrenhaftes und erfolgreiches Leben erwartete, konnte er damals noch nicht ahnen. Der 1. Weltkrieg brachte politische und gesellschaftliche Umwälzungen ins Land Südtirol. Infolge der Italianisierung wurde die „Windschar“ umbenannt in „Albergo Stazione“, Bahnhofs-Gasthaus. Später wurde das Obergeschoss des Gasthofes als Gemeindeamt benutzt und die Hausfront zierte die Aufschrift „municipio“, Gemeinde. Die Frau des Gemeindesekretärs, Signora Bortolotti gebar hier übrigens auch ihr erstes Kind. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg durften wieder deutsche Namen und Aufschriften verwendet werden. Florian Kronbichler - Aloisias Neffe – erwies sich als tüchtiger junger Mann, arbeitete tatkräftig auf Hof und Feld mit, und besuchte die landwirtschaftliche Schule in Dietenheim bei Bruneck, die er 1930 mit Erfolg abschloss. Am 27.5.1945, nach dem Sonntagsgottesdienst, wurde er auf dem Kirchplatz nahezu einstimmig durch Handaufheben zum Bürgermeister von Gais gewählt; dieses Amt übte er in der Folge über 30 Jahre lang aus. Im Jahre 1973 erhielt er in Innsbruck das Verdienstkreuz des Landes Tirol aus den Händen des Tiroler Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer, für besondere Verdienste zum Wohle der Allgemeinheit. Am 8.12.1975 wurde er zum Ehrenbürger von Gais ernannt. Florian Kronbichler war 36 Jahre alt, als er im Jahre 1949 die Kaufmannstochter Hermine Steger aus St. Lorenzen ehelichte. Sie war eine überaus beliebte und tüchtige Frau, deren Lebensinhalt das Wohlergehen ihrer Familie und ihrer Gäste bedeutete. Sie war es auch, die neben dem Gasthaus Windschar eine Dependance mit Geschäft für Lebensmittel und Allerlei erbauen ließ, um für Zugreisende, Gäste und Einheimische ein vielseitiges Warenangebot bereitstellen zu können. Legendär ist Frau Hermines „mobiles Büro“, das so manchen heutigen Computer in den Schatten stellen würde. Vom Zimmerverzeichnis bis zur Brotrechnung, von der Anschreibliste eines armen Bäuerleins bis zu diversen Bestellzetteln: alles war fein säuberlich in ihrer Schürzentasche aufbewahrt. Ein kleiner Bleistift war der Ersatz für die moderne PC-Mouse, und so hatte Frau Hermine jederzeit alles griffbereit, was einer sauberen Geschäftsführung bedurfte. An Stammhaltern fehlte es nicht, entsprossen der Ehe von Florian und Hermine Kronbichler doch vier stramme Buben: Franz, Josef, Eduard und Alois. Franz ist heute Gastwirt, Josef Landwirt, Eduard Geschäftsmann und Alois promovierter Wirtschaftler.













